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01.03.2026 Kategorie: Angedacht

März 2026

Liebe Leserin, lieber Leser, „wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62) Dieser Satz kommt mir in der letzten Zeit andauernd in den Sinn. Im November 2025 fand die Landesynode statt, auf der Beschlüsse für die Zukunft gefasst wurden. Endlich, müsste man eigentlich sagen, nachdem seit 15 Jahren geredet, überlegt, getagt und gesprochen worden ist, aber immer wieder vertagt und neu überlegt und auch verdrängt wurde. Und nun sind die Entscheidungen so wie sie sind. Wie immer, wenn Entscheidungen nicht beizeiten aktiv getroffen werden, entscheidet dann das Leben oder die Situation oder anderes. In diesem Fall der seit Jahrzehnten zurückgehende Mitgliederbestand und damit auch Kirchensteuereinbußen, also Geld, das fehlt und Menschen, die wegbleiben. Als ich vor rund 25 Jahren als junge Pastorin anfing, stand „Kirche“ grundsätzlich für etwas Gutes. In meinen ersten drei Dörfern hatte ich eine Kirchenmitgliedschaft von 90 %. Die Menschen sind nicht unbedingt häufig in die Gottesdienste gekommen, aber Weihnachten war die Hütte voll. Und man brauchte schon eine gute Entschuldigung, wenn man aus der Kirche austrat. Denn auch wenn man selbst die Kirche nicht nutzte, war doch irgendwie klar, dass Kirche sich um die Armen und die Älteren kümmert. Heute wird Kirchenmitgliedschaft genauso wie eine andere Mitgliedschaft betrachtet. Nutze ich das Angebot? Dann bleibe ich dabei, nutze ich es nicht, trete ich aus. Es treten Eltern von gerade konfirmierten jungen Menschen aus. Nicht, weil die Konfizeit ihrer Kinder blöd gewesen wäre oder sie irgendetwas an der Konfirmation oder der Gemeinde oder meiner Person auszusetzen hätten, sondern weil sie Kirche jetzt erstmal nicht mehr nutzen. Heute steht Kirche im besten Fall für gar nichts, im schlimmsten Fall für Kirchensteuergeldverschwendung und sexualisierte Gewalt. Heute liegt hier in unseren kleinen Orten die Kirchenmitgliedschaft bei deutlich unter 50 %, in den größeren sind es noch weniger. Vor 25 Jahren war ich diejenige, die von der Polizei angerufen wurde, wenn es galt eine Todesnachricht zu überbringen. Heute macht das das KIT (Kriseninterventionsteam), das sind Ehrenamtliche, die speziell dafür geschult werden. Vor 25 Jahren bin ich von Gemeindemitgliedern angerufen worden, dass jemand in ihrer Familie gestorben ist. Heute informiert mich das Bestattungsunternehmen, wenn es gut läuft. Vor 25 Jahren bekam ich von Menschen aus der Gemeinde den Hinweis, es wäre gut, wenn ich mal bei Herrn X oder Frau Y einen Besuch machte. Das passiert heute nur noch sehr selten. Nur noch da, wo es noch Besuchsdienstkreise gibt, die so lange vor Ort sind, dass sie viele der Menschen im Dorf kennen und die diese Menschen alle liebevoll im Blick haben. Damals waren die Besuchten froh, wenn sie erzählen konnten, was sie belastet. Heute sind sie erstaunt und wissen gar nicht, was ich denn bei ihnen will. Zeiten ändern sich, das ist völlig klar und das ist auch normal und manchmal liegt darin auch eine echte Chance. Denn was mich wirklich beunruhigt ist, dass alle urkirchlichen Aufgaben zunehmend von Anderen übernommen werden. Psychologen und geschulte Ehrenamtliche übernehmen seelsorgerliche Aufgaben. Die Tafeln leisten diakonische Unterstützung. Wir Pastores (lateinische Plural von Pastor) stehen vor einer Unzahl an alten, teils auch ewig nicht sanierten Gebäuden, mit denen wir uns herumschlagen müssen und die uns finanziell ruinieren. Unsere Bezirke werden immer größer, dass wir so wie vor 25 Jahren auch gar nicht mehr arbeiten könnten. Das wird viel beklagt. Ich finde aber, dass darin auch eine große Chance liegt. Gilt nicht auch das Priestertum aller Gläubigen? Was uns als Kirche in die Bedeutungslosigkeit treibt, ist das Verharren in alten Traditionen, der der 60er bis 80er Jahre. Das war die letzte Aufwärtswelle innerhalb der Volkskirche. Damals gründeten sich viele Kreise und Gruppen. Und viele Menschen heute denken genau an die Zeit, wenn sie von „Früher“ schwärmen. Wenn eine Tradition einfach immer weitergeführt wird, obwohl ihr ureigener Sinn längst nicht mehr existiert, dann lebt nur noch die Form. Unsere Aufgabe als Kirche ist es nicht, den Dorfzusammenhalt zu gewährleisten. Das war noch nie die Aufgabe der Kirche. Unsere Aufgabe ist es, davon weiterzusagen, was Jesus Christus vor mehr als 2000 Jahren über Gott erzählt hat. Was er im Namen Gottes für uns getan hat. Dass er Liebe gepredigt und gelebt hat. Dass er uns die Feier des Abendmahls hinterlassen hat, damit wir Kraft für den Alltag bekommen, uns Vergebung zugesprochen wird und wir Gemeinschaft erleben. Gemeinschaft mit Gott und mit denen, mit denen wir zusammenleben. Jesus hat uns geboten zu taufen: Menschen in unsere Mitte aufzunehmen, ihnen weiterzugeben, was wir als heilsam erfahren haben. Und er hat uns zu beten gelehrt. Das Vaterunser als eine Verbindungsschnur zu Gott, sozusagen. Wir werden als Kirche nur überleben, wenn wir uns darauf konzentrieren, was unser Ureigenstes ist. Ansonsten werden wir genauso sterben wie damals die Höfe in den 70er Jahren, die sich dem Wandel verweigert hatten. Und wie viel schöner wäre es, wenn sich all die, für die der Gottesdienstbesuch z.B. wichtig und heilsam ist, sich an einem Ort zu treffen. Und nicht versprengt und verteilt über sämtliche Kirchen, wo dann der Gesang kläglich und Gemeinschaft nicht mehr erlebbar ist. Krisenzeiten sind immer auch Zeiten großer Chancen. Ich halte fest an dem Satz Jesu: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Wer zurückschaut, zieht keine gerade Spur mit dem Pflug. Wenn ich nur zurückschaue, verliere ich das Ziel aus den Augen. Dann verliere ich mich in vermeintlich goldenen vorigen Zeiten. Wenn wir uns aber zusammentun, die wir danach suchen, was wir brauchen, um getrost und aufrecht leben zu können, um uns auch dem Ungeist der Welt entgegenstellen zu können und miteinander füreinander und für all die, die sich nicht wehren können, einzustehen. Und nicht zurückschauen auf vermeintlich goldene Zeiten, sondern nach vorne sehen und gucken, wie wir jetzt und heute und hier als Christen leben können.

Bleiben Sie Gott befohlen

Beitrag von Pfarrerin Sabine Prunzel